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Mein Brillenmoment: Hallo, bist du die Neue?

03.04.2018

Jeder Brillenträger hat eine andere Beziehung zu dem sogenannte „Intelligenzverstärker“, den er auf der Nase trägt und der ihn gesellschaftstauglich macht. Unsere Autorin Cristin erzählt von dem Moment, an dem sie ihre Brille bekam. Von Topfschnitten und Brillenschlangen.

Mein Leben vor der Brille: Pausenhof-Rowdie

Meine Theorie ist, dass es zwei Sorten von Kindern gibt: Die süßen und die komischen. Komisch dabei im Sinne von Humor und Witz. Ja, es gibt auch Kinder, die beides sind, aber die sind sehr selten. Also lasse ich die in meiner Annahme mal aus der Statistik. Ich war definitiv ein komisches Kind.

Während andere Mädchen niedliche T-Shirts trugen, große Kulleraugen hatten und allseits Erwachsene mit ihrem Süß-Sein beeindruckten, war ich so trantütig, dass ich meinen Ranzen vergaß und mit Hausschuhen in die Schule lief. Ich trug einen Unisex-Topfschnitt und war grundsätzlich in Latzhose anzutreffen, weil meine Eltern es leid waren, ständig Brombeerflecken aus meinen Hosen zu waschen.

Zu dieser Zeit prägte ich gerade meinen Gerechtigkeitssinn aus und verhaute diejenigen, die kleinere und meiner Meinung nach wehrlosere Kinder verhauten. Ich war also sowas wie ein Pausenhof-Rowdie. Dazu passend saß ich in der zweiten Klasse noch wie die coolen (oder hoffnungslosen) Kinder ganz hinten, musste aber innerhalb des nächsten Jahres immer weiter nach vorne rutschen, weil ich das Geschreibsel auf der Tafel nicht erkennen konnte.

Mein Brillenmoment: Hallo, bist du die Neue?
MeinBrillenmoment in den 90ern
Mein Brillenmoment: Hallo, bist du die Neue?
Eher komisch als süß mit Kinderbrille

Irgendwann kam der Moment der Wahrheit und ein Augenarzt stellte fest, dass ich kurzsichtig war. Ich war neun Jahre alt. Und bin dort das erste Mal in eine kurze, aber tiefe Depression gestürzt. Die Brille, die ich beim Optiker bekam, war rund und hatte rote, blaue und gelbe Waggons an den Bügeln. Als ob das irgendetwas besser gemacht hätte. Ich musste zwei Tage weinen. Eine gefühlte Ewigkeit, wenn man neun ist.

Mit Brille würde mich doch kein Schulhofprügler mehr ernst nehmen und dann erst dieses merkwürdige Laufen. Wie ein behindertes Pony. Auf einmal war alles so scharf, dass ich den Abstand zum Boden ständig falsch einschätzte. Und so stolperte ich das erste Mal mit Brille in die Schule.

Mein Brillenmoment: Laufen wie ein behindertes Pony

Damals war ich Hals über Kopf in Christopher verknallt. Das durfte natürlich keiner wissen, schließlich ist das ja der Sinn der Sache beim Verliebtsein. Also hatte ich mein kleines Herz ganz still und heimlich mit Christopher-Bildern gefüllt. Als ich in den Schulweg einbog, kam mir Christopher entgegen. „Hallo,“ sagte er, „bist du die Neue?“

Ich guckte, überlegte kurz, bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Christopher hatte mich offenbar noch nie richtig angesehen, denn so anders sah ich ja doch nicht aus. Der Topfschnitt war noch da, die Latzhose auch. Das durfte nicht wahr sein!

Ich schluckte meine Verzweiflung herunter, stürzte in die Klasse und beschloss, nicht mehr in Christopher verliebt zu sein.

Mit der Zeit lernte ich die Vorteile der Brille kennen, konnte bei „Herr Fischer, Herr Fischer, welche Fahne weht heute“ immer gewinnen, weil ich stets irgendwo alle Farben an mir trug. Und auch wenn ich vielleicht länger auf Liebesbriefe warten musste, bin ich heilfroh darüber, dass ich gelernt habe, mich auch auf innere Werte zu konzentrieren. Vielleicht sind mir ja deshalb so viele sympathische Menschen mit Brille begegnet. Weil sie nämlich alle mal damit kämpfen mussten, jetzt „eine Brillenschlange“ zu sein. Und Gott sei Dank gibt es mittlerweile so schöne Brillen, dass man Brillen mit Waggons an den Bügeln vermeiden kann.

Mein Brillenmoment: Vorfreude auf den Triumph

Und übrigens: Bei kurzsichtigen Menschen kann die Altersweitsichtigkeit die Kurzsichtigkeit wieder ausgleichen. Dann werde ich vor all die Nicht-Brillenträger treten und sagen: Ha! Jetzt bist du dran! Dann werde ich theatralisch meinen Schal nach hinten werfen und mit einem triumphalischen Lächeln von dannen schreiten. Und auf diesen Moment freue ich mich seitdem ich meine Waggon-Brille das erste Mal auf die Nase gesetzt bekommen habe.

Bis dahin trage ich einfach „mein Los“ als Kurzsichtige mit entsprechendem Selbstvertrauen. Und schönen Brillen.

Basta.

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