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Einfach Herrlicht, diese Holzbrillen aus Erfurt!

02.08.2010

Andreas Licht, natürlich mit Holzbrille von Herrlicht

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt ist eine beschauliche 200.000 Seelen-Gemeinde mit zahlreichen Fachwerk- und Bürgerhäusern. Mitten durch die Stadt fließt die Gera, die sich mit Seitenarmen auch an diversen Gärten entlang schlängelt. Ein Nebenfluss läuft direkt an der Werkstatt von Andreas Licht vorbei, einem Tüftler mit besonderer Liebe zum Rohstoff Holz. Als Holzbrillenhersteller gehört er mit seiner Marke Herrlicht zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Deshalb haben meine Kollegin Tanja und ich uns vor kurzem zu einem Besuch in Erfurt eingefunden…

Blick hinter den Gartenzaun: Hier erholt sich Herr Licht vom Holzbrillenbau

In einer ruhigen Seitenstraße finden wir das Türschild von „Herrn Licht“ und klingeln. Mit einem sympathischen Lächeln nimmt uns der charmante Lockenkopf in Empfang und bringt uns zum Hinterhaus. Dort hat sich Herr Licht in den ehemaligen Stallungen des Gebäudes seine Holzbrillenwerkstatt eingerichtet. Diese ist klein und gemütlich. Ein Ledersofa lädt zum Verweilen ein. Hier könnte man es sich bequem machen und der Geschichte von Herrn Licht lauschen. Aber das sommerliche Wetter lockt uns in den beschaulichen Innenhof. Mit einem frisch aufgebrühten Kaffee begeben wir uns nach draußen. Grün und ungezwungen ist es hier. Ein bisschen wie ein Trip in die Vergangenheit. Öko und Vintage treffen aufeinander. Wir sitzen in gemütlicher Runde. Neben Andreas Licht ist auch sein Kollege Sven dabei. Der gelernte Architekt kam vor drei Jahren aus pragmatischen Beweggründen zu Herrlicht: Er brauchte eine neue Brille. Die hat er sich bei Herrlicht selbst erarbeitet und ist dann geblieben. Holzbrillen hat er inzwischen schon ein paar mehr  zu Hause. Heute treffen wir ihn allerdings mit einem Modell von Calvin Klein. Sven trägt gern Brillen verschiedener Marken und Herr Licht ist da nicht dogmatisch.

Herrlichtes Team: Andreas und Kollege Sven

Andreas Licht stammt ursprünglich aus Eisenach und ist eigentlich gelernter Elektriker. Schon früh hatte er sich mit einem Freund zusammengetan, um gemeinsam Holzmöbel zu bauen. Auch ein Holzfahrrad hat er bereits gezimmert. Man merkt, dieser Werkstoff ist definitiv sein Element. Dinge, die man normalerweise nicht aus Holz vermutet, genau die setzt er gern in Holz um. Und als ihm der Augenarzt eine kleine Sehschwäche diagnostizierte, war klar: Brillen auch. So langsam tastete er sich an die ersten Modellversuche heran. Das ist inzwischen 13 Jahre her. Die Prototypen von 1997 hatten allerdings noch wenig Ähnlichkeit mit den heutigen Herrlicht-Holzbrillen und sahen eher aus wie „Kunstobjekte“. Außerdem wurden noch kleine Metallschrauben verwendet. Aber Andreas Licht hatte sich zum Ziel gesetzt, Brillen herzustellen, die rundum aus Holz sind. „Für mich war von Anfang an klar: Wenn ich eine Brille baue, dann soll die auch komplett aus Holz sein“, so Licht.

Einer der ersten Prototypen aus dem Jahre 1997

2005 wagte er es dann, die erste hundertprozentige Holzbrille zu bauen, mit der er direkt einen Preis auf der Pariser Brillenmesse Silmo abräumte. Damit zählt der Mann aus Erfurt zu den Holzbrillen-Pionieren mit besonderem Händchen für’s Design. Und das auf eine ganz eigene Weise: Während die meisten Holzbrillen aus Holzplatten herausgefräst werden, macht er es genau umgekehrt. Er formt die Brillen aus dem Furnier. Schicht für Schicht legt er die Holzblätter übereinander, bis das Modell Gestalt annimmt. So entsteht ein stabiler Brillenrahmen, der trotzdem flexibel ist. Dabei ist alles noch reine Handarbeit, wenn man mal von den einzelnen Press- und Schneidewerkzeugen absieht. Lediglich das Einschleifen der Stützgläser und die „Herrlicht“-Gravur werden nicht in der kleinen Werkstatt erledigt.

Durch seine spezielle Arbeitsweise ist Andreas Licht in Bezug auf die Brillenform allerdings ein wenig eingeschränkt. Aktuelle Trends wie anliegende, kurvige Rahmen oder Doppelstege kann er nicht herstellen. Die runde Panto-Form hat er allerdings schon gebaut, als sie noch nicht en vogue war. Auf die Idee brachte ihn damals die Brille eines Freundes, der schon immer Panto trug.

Auch ein echter Hingucker: Die Arbeitsschutzbrille von Herrn Licht

Sein Rohmaterial kauft er beim Spezialhändler für Furniere. Damit kann er besonders schöne Farb- und Strukturverläufe herausarbeiten. Herr Licht arbeitet nur mit europäischen und nordamerikanischen Hölzern. Neben Birne und Kirsche auch Ahorn und Walnuss. Luxusgewächse aus den Tropen kämen für ihn niemals in Frage. Das ist ja auch nicht notwendig. Mit den verwendeten Holzsorten kann er Brillen in sehr natürlichen Farbvarianten von hellem Beige (Ahorn) über warmes Rot (Birne) bis hin zu kräftigem Braun (Walnuss) gestalten. Etwas schwieriger war es mit der Modefarbe Schwarz, zu die ihm sein Mitarbeiter überredet hatte, der eben sehr gern Schwarz trägt. Bis vor kurzem konnte Herr Licht das nur über den kleinen Kompromiss des Kolorierens lösen. Inzwischen jedoch wird diese Farbe aus einer kleinen Seltenheit gewonnen: fossile Eichenstämme, die über Jahrhunderte in Mooren und Sümpfen gelagert haben und auf diesem Weg bisweilen tiefschwarze Verfärbungen aufweisen. Mit dieser sogenannten Mooreiche sind nu auch die schwarzen Brillenmodelle vollständig natürlich und damit ganz im Sinne von Herr Licht. Immerhin liegt ihm der ökologische Gedanke im gesamten Produktionsprozess besonders am Herzen. Deshalb wird auch nur mit Öko-Strom gearbeitet und kleinere Arbeitswege werden mit dem Fahrrad erledigt. Ein Auto besitzt Herr Licht erst gar nicht. Und im Winter wird der Ofen der kleinen Werkstatt mit Restholz befeuert. Ökologisches Bewusstsein wird selten so groß geschrieben.

Herrlicht-Holzbrillen in allen Farbnuancen

Nur der Vertrieb der Brillen war von Beginn an noch ein Problem. Der Direktverkauf an Endkunden funktionierte nicht. Andreas Licht wendete sich daher an die Optiker, um seine Brillen an den Mann und die Frau zu bringen. Doch an dieser Stelle stieß und stößt er nach wie vor auf einigen Widerstand, der sich auf Vorurteile stützt. „Mit dem Quatsch fangen wir gar nicht erst an.“ So könnte man wohl die Bedenken in Klartext übersetzen, mit denen Herr Licht zu kämpfen hat. Die Brillen seien nicht stabil genug, könnten brechen, außerdem gäbe es sicher keine Nachfrage nach Brillen aus Holz. Das ist den Optikern ein zu hohes Risiko. In Deutschland zumindest. Die japanischen Herzen konnte Herrlicht jedoch sehr schnell begeistern. Ins Land der aufgehenden Sonne werden auch bis heute noch die meisten seiner Unikate verschifft.

Auch hier dominiert das Holz: Werkstatt von Herrlicht

Mailand, Paris, Tokio und New York – hier stellt Andreas Licht seine Brillen regelmäßig vor. Auf einer Brillenmesse in Deutschland war er bislang nur ein einziges Mal: gleich am Anfang, 2005, war er in München auf der Opti. Seitdem nie wieder. Selbst wenn er glaubt, dass sich die Deutschen gegenüber seinen Holzbrillen inzwischen etwas aufgeschlossener zeigen würden. Genug zu tun hat er auch so. Immerhin ist jede Brille ein handgefertigtes Unikat, für das man einen ganzen Tag Arbeit investieren muss. Wenn man in solchen Dimensionen denkt, ist eine Bestellung von 14 Brillen schon wirklich „groß“, immerhin muss man dafür einen halben Monat Arbeitszeit einplanen. Tatsächlich werden in der Herrlicht-Werkstatt aktuell nur 250 Stück produziert. Und deshalb haben diese Raritäten auch ihren Preis. Bis zu 1000 Euro muss man für eine Herrlicht-Brille aufwenden. Tja, Eco wohl tatsächlich der neue Luxus.

Herrlicht-Holzbrillen im Rohzustand

Zu den Herrlicht-Brillen gibt es inzwischen sogar schicke Holz-Etuis – selbst entworfen und handgearbeitet. Für mich ebenfalls preisverdächtig. Mal sehen, vielleicht bekommt Andreas Licht ja dafür auch noch mal eine Auszeichnung.

Für die Zukunft wünscht Herr Licht sich schnelleres, effizienteres Arbeiten, um die technologischen Anforderungen besser in den Griff zu bekommen. Und dass es endlich etwas ruhiger wird.

Wir verabschieden uns und besichtigen nach dem Interview noch ein wenig die Erfurter Altstadt. Das war einfach ein Herrlichter Tag!

Urgemütlich, die Werkstatt von Herrlicht: Wir hätten noch länger bleiben können

Herrlicht Holzbrillen
Schobersmühlenweg 29
99089 Erfurt
www.herrlicht.de

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5 comments

    I can’t read or understand the above text / language but I am very much interested in a round pair of frames pictured in the middle half of this article.

    Just below the picture of these frames is this text:
    Einer der ersten Prototypen aus dem Jahre 1997

    Can you direct me into where I might find a pair and the make and model in English… please?

    Thank You

    Antworten

    Die Menschen sollten Brillenmarke -Holz sehen Vartez so hubsh!

    Antworten

    Hallo Mauro,
    vielen Dank für Deinen Kommentar. Holzbrillen sind auch wirklich cool! Viele Grüße, Katrin

    Antworten

    […] Brillen und Sonnenbrillen aus Holz. Sei es Woodzee, Shwood, Feb31st, Vuerich Brothers, Capital oder Herrlicht – sie alle haben haben eine besondere Liebe für diesen Werkstoff. So auch Proof Eyewear, die […]

    Antworten

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