“Die Form ist ein Zitat der Vergangenheit” – Interview mit Peter Wippermann

Trendforscher Peter Wippermann

Als Kind träumt man von spannenden Berufen. Feuerwehrmann, Rennfahrer und Astronaut stehen hoch im Kurs. Doch bei den meisten Menschen wird daraus nichts, sie gehen irgendwann ganz profanen Jobs nach. Der Hamburger Peter Wippermann wurde zwar auch kein Rennfahrer, hat sich aber doch einen der spannenderen Berufe ausgesucht. Wippermann ist Deutschlands bekanntester Trendforscher. Im Jahr 1992 gründete er mit Matthias Horx das Trendbüro, in dem seither darüber räsoniert wird, wie wir ticken und wie wir ticken werden. Wir haben mit dem außerdem als Kommunikationsdesigner und Universitätsprofessor tätigen Hamburger über seinen Beruf, die Mode der Zukunft und das Entstehen und Vergehen von Trends gesprochen.

Frame: Gibt es Trends oder Strömungen, die momentan maßgebend sind? Oder gar einen alles umfassenden, gesamtgesellschaftlichen Trend für die kommenden Jahre?

Wippermann: Wir haben einen Strukturwandel, der schon seit 20 Jahren zu beobachten ist, seitdem 1991 das Internet freigeschaltet worden ist. Dieser technologische Wandel vernetzter Computer und mobiler vernetzter Computer ist ein Megatrend. Der andere Megatrend ist tatsächlich der demographische Wandel. Die Gesellschaft bemüht sich seit einigen Jahren, diese Veränderungen möglichst nicht mitzumachen und sich in Retro-Trends zu flüchten. Das Interessante ist, dass das beliebteste Jahrzehnt im Moment die Siebziger Jahre sind, und das auch schon seit längerem. Die Idee, dass wir uns in vertraute Kulturformen zurückziehen, wenn neue virtuelle Welten entstehen, das ist etwas, was uns in der Zukunft noch begleiten wird.

Frame: Ist das eine Frage der Angst vor der Zukunft? Warum schaut man meistens zurück statt nach vorne?

Wippermann: Weil die Erinnerung die Vergangenheit immer schön spinnt. Diese rekursive Strategie hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass wir nach einer langen Phase der Internationalisierung nun die Globalisierung und Virtualisierung haben, also eine Erweiterung unseres Lebensraumes. Wir haben plötzlich die Exotik der Nähe: Wie sieht es in unserer Heimat aus, was haben eigentlich unsere Eltern und Großeltern getan? Es gibt eine Verortung im persönlichen Lebensraum bei gleichzeitiger Globalisierung und eine Verortung in der Vergangenheit bei gleichzeitiger Virtualisierung.

Trendforscher Peter Wippermann

Auch in Sachen Brille das richtige Gespür (Foto: peterwippermann.com)

Frame: Es gab vor allem in den 1960er Jahren ein sehr experimentelles, futuristisches Modedesign, das stark auf die Raumfahrt-Begeisterung zielte. Jetzt sind wir gerade in einer eher nüchternen Phase. Wird das wiederkommen und die Mode sich nochmal in eine futuristische, zukunftsweisende Ecke bewegen?

Wippermann: Ansatzweise gibt es das immer wieder – und funktioniert nicht. Das hat damit zu tun, dass die Beschleunigung im Raum das große Thema war. Also vom Auto auf das Flugzeug, auf die Rakete, von Internationalität auf Weltraum. Das ging bis zu den 1960ern, Anfang der 1970er Jahre ganz gut. Und dann kam sozusagen die Loslösung von diesem Fortschrittsglauben. Internationalisierung und Moderne wurden plötzlich Postmoderne. Im Moment ist es so, dass die wirklichen Innovationen im Bereich des Unsichtbaren, für den Menschen nicht zugänglichen Raum zu suchen sind: Im Bereich der Daten-, der Gen- und Nanotechnologie. Wir haben noch keine Bilder dafür. Wir haben keine Interfaces, die uns den Verständigungsraum des Winzigen, des Nanohaften und der vernetzten Daten erschließen. Insofern ziehen wir uns zurück in das Vertraute und erfinden es neu.

Frame: Wir haben schon einige Labels interviewt, die in Material und Gestaltung sehr visionär vorgehen, sich aber in der Form wieder an altbekannten, altbewährten Dingen annähern.

Wippermann: Das wirkt sehr identisch mit der Mode. Wenn Sie sich die Retro-Mode anschauen, dann ist es ja auch so, dass Sie Retro-Trends haben, aber mit anderen Materialien. Sie haben die Strickware, die eine ganz andere Qualität hat. Sie haben jede Art von atmungsaktiven Nanomaterialien, die aus dem Spezialsport kommen, mittlerweile in den Mänteln. Das ist glaube ich kennzeichnend und stützt die These, dass der Fortschritt im Moment unsichtbar und die Form das Zitat der Vergangenheit ist.

Frame: Bemerken Sie visionäre Entwicklungen in Form und Funktion der Brillenmode, auch aus Ihrer persönlichen Sicht als Brillenträger?

Wippermann: Ich glaube, man muss einfach die 100.000 Laserbehandlungen sehen, die es gibt und die die Brille abschaffen können. In dem Moment, wo man die Brille abschaffen kann, bekommt sie eine schmückende Funktion. Und in der schmückenden Funktion nähert sich die Brille insgesamt dem Fashion-Markt an. Hier geht es um das Thema Fast-Fashion, es gibt schnell wechselnde Stilrichtungen und eine ungeheure Ausdifferenzierung. Es gibt ganz unterschiedliche Interpretationen – das, was es nicht gibt,  ist die verrückte Designerbrille der 1980er Jahre oder Anfang der Neunziger, weil das dann schon wieder Retro ist.

Peter Wippermann

Peter Wippermann als Redner beim Deutschen Trendtag (Foto: peterwippermann.com)

Frame: Wie sehen Sie die Zukunft der Brille an sich, auch im Hinblick auf Augen-Laser-OPs, während die Brille gleichzeitig ein Fashion-Accessoire ist?

Wippermann: Das hängt stark mit der Ebene des Selbstdesigns zusammen. Wenn Sie eine gute Oberflächenspannung haben, macht das Augenlasern Sinn, mal ohne den gesundheitlichen Aspekt, sondern als Fashion-Statement. In dem Moment, wo Sie dagegen eine getragene Oberfläche haben, also Fransen haben oder müde aussehen, macht es Sinn, Retro-Brillen zu tragen. Interessant dabei ist, dass Sie Retro-Brillen in der Jugendkultur wie in der alten Kultur haben. Im Moment ist es noch so, dass zu 70 Prozent rahmenlose oder dünnrahmige Brillen verkauft werden. Das ist sozusagen die alte Brillenwelt. Wenn man sich anschaut, was im Bereich Sonnenbrillen und Sportbrillen passiert ist, dann wandert das allmählich in den Bereich der klassischen Brillen, also der tatsächlichen Sehhilfen. Es geht eben nicht um besser sehen, sondern um besser aussehen.

Frame: Sie sagten vor kurzem in einem Interview, dass „wir unser Ego inszenieren“. Welchen Beitrag leistet die Mode zu dieser Inszenierung?

Wippermann: Wenn man sich die früheren Jugendkulturen anschaut, gab es da bestimmte Arten von Idealisierung und Ideologisierung. Man hat sich übergeordneten Ideen angeschlossen. Entweder man wollte die Welt verändern oder man wollte definitiv gar nix tun – wie die Punkbewegung. Wenn man sich heute das Thema Selbstdesign bzw. Selbstmarketing anschaut, da inszeniert man sich selber und versucht sich, so attraktiv wie möglich in gesellschaftliche Kommunikationsströme einzubringen. Insofern ist gerade die Brille ein Fashion-Statement geworden. Retro-Brillen mit Fensterglas sind durchaus ein Accessoire wie es die It-Bag früher war. Da geht es um die Zurschaustellung einer Idee von sich selbst und das Überprüfen der eigenen Anschlussfähigkeit. Ob man Freunde findet, ob man Resonanz findet, ob man hört, dass man toll aussieht und sich situationsabhängig richtig kleidet.

Wir danken Peter Wippermann für das Gespräch. Weitere Infos:  www.peterwippermann.com

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Donnerstag, 16.12.2010 – von

Kategorien: Allgemein, Highlights, Interview, Portrait, Trends

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  1. […] gibts gerade vor allem im Material- und Technikbereich. Das deuteten wir ja schon im Interview mit Peter Wippermann an. Das Sub-Label Blac des dänischen Herstellers Bellinger verbaut neuerdings Karbon und Fiberglas […]

  2. […] Übrigens: Wer wissen möchte, was die Zukunft sonst noch an Trends zu bieten hat: Frame-Redakteure Antje und Johannes haben im Rahmen des Frame-Monatsthemas “Future-Style” den Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros Peter Wippermann höchstpersönlich zur Mode der Zukunft und das Entstehen und Vergehen von Trends befragt. Das Ergebnis gibt’s im wie immer im Frame-Magazine. […]

  3. […] ist ein Zitat seiner Vergangenheit. Das zumindest behauptete Trendforscher Peter Wippermann in einem Gespräch mit uns, als wir ihn zum Thema Zukuntstrends befragt hatten. Und wo er recht hat, hat er recht. […]

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