Lunettes Selection: Brillen, die man so noch nicht gesehen hat

In Sachen Vintage-Brillen zählt die Lunettes Brillenagentur inzwischen zu den besten Adressen. Das Konzept hat sich offensichtlich bewährt. Seit kurzem gibt es in Berlin das zweite Lunettes-Geschäft „Selection“.

Dabei hatte Uta Geyer, Gründerin der Brillenagentur, nach dem Abschluss solch umfangreicher Studiengänge wie Medien-, Literatur- und Kulturwissenschaften sowie Malerei und Filmwissenschaften sicher ganz andere Pläne. Doch als Uta eines Tages feststellte, dass sie eine Brille braucht, nahm die Idee eines traditionellen Brillenladens ihren Anfang. Auf der Suche nach dem passenden Gestell, wurde sie nämlich einfach nicht fündig. Uta hat eben ihren eigenen Kopf, und die Brillen der breiten Masse waren dafür einfach nicht gemacht. Erst auf einem Flohmarkt fand sie, wonach sie gesucht hatte. Und mit einer unbeirrten Entschlossenheit, die man wohl so von ihr kennt, stand für sie fest:

„Ich möchte einen eigenen Brillenladen aufmachen, in dem Leute wie ich ihre passende Brille finden.“

Im April hat die Brillenagentur in Prenzlauer Berg inzwischen ihren vierten Geburtstag gefeiert. Und da offensichtlich ziemlich viele Leute einen ähnlichen Brillengeschmack haben, wie Uta Geyer, musste sie ihren Laden erweitern, um dem Ansturm auf ihre Brillen gerecht zu werden.

Seit Dezember vergangenen Jahres gibt es nun in der Berliner Torstraße „Lunettes Selection“. Das exquisite, kleine Geschäft drängt sich nicht auf und präsentiert sich mit angenehmer Zurückhaltung. Erst auf den zweiten Blick kann man durch das Schaufenster vereinzelt ein paar Brillen entdecken. Den Rest vermutet man in den Schubfächern des antiken Brillenschranks, den sich ursprünglich ein Optiker aus Potsdam in den 50er Jahren anfertigen ließ. Jede Schublade wurde mit einem Etikett versehen, das in alter Tradition liebevoll mit einer Handschreibmaschine getippt wurde. Und tatsächlich, für Brillenliebhaber ist dieser Schrank eine wahre Schatzkiste an Raritäten aus mehr als 100 Jahren Brillengeschichte.

Antiker Brillenschrank bei Lunettes Selection.

Dabei bietet „Selection“, ganz wie der Name schon vermuten lässt, eine ganz besondere Auswahl aus der Sammlung von Uta Geyer. „Hier sind die Brillen noch ein bisschen individueller als in der Brillenagentur, für Leute mit besonderen Ansprüchen und originellem Geschmack“, erklärt Claudia Drechsel, die fast von Anfang an die Vision von Lunettes unterstützt und nun seit einem halben Jahr an der neuen Adresse Brillen und Menschen zusammenbringt.

Mit jedem Wort spricht bei ihr die Leidenschaft für die Brille. Man merkt ihr an, dass es ihr nicht darum geht, Brillen einfach nur zu verkaufen. Bei Lunettes herrscht eine vertraute Atmosphäre. Hier lernt man sich erst kennen, bevor man sich an die richtige Brille herantastet. So finden auch „schwierige Patienten“ das passende Modell. Manchmal sogar völlig unerwartet. „Ich hatte mal einen Kunden, der war schon seit einem Jahr auf der Suche nach einer passenden Brille. Und hier hatte er auf einmal vier, die ihm super gefallen haben. Der musste erst mal nach Hause gehen, um das zu verkraften“, erzählt Claudia Drechsel mit strahlenden Augen und man merkt, wie sehr sie mit den Geschichten ihrer Kunden verhaftet ist. Umgekehrt ist es genauso. Da kommen auch schon mal kleine „Liebesbriefe“ ins Haus geflattert, von Kunden, die ihre Freude über ihre neue Brille noch mal bekräftigen wollen. In solchen Momenten spürt die leidenschaftliche Brillenverkäuferin, dass sie genau das Richtige tut.

Claudia Drechsler von Lunettes Selection

„Passt wie angegossen.“

Den Satz hört sie dann öfter. Denn genau darin liegt auch ein entscheidender Vorteil von Vintage-Brillen gegenüber neuen Produktionen. Wie Claudia Drechsel weiß, sind „die heutigen Brillen teilweise standardisiert. Die alten Brillen sind da sehr viel variabler in Form und Größe.“ Früher wurden Brillen häufig individuell für Gesichter angepasst. So kann es dann manchmal sein, dass diese Modelle auch heute noch einigen Leuten schmeicheln, als wären sie für sie maßgefertigt.

Die „alten Brillen“ – das sind unter anderem übrigens ungetragene Originale von Robert la Roche, Jaguar, Rodenstock und Neostyle. Dazu kommen neue Kollektionen von traditionellen Brillenherstellern wie Moscot, Lunor oder Oliver Goldsmith. Bei der Auswahl der Brillen und Marken wird besonderes Augenmerk auf Beständigkeit gelegt. Familienunternehmen wie Oliver Goldsmith arbeiten zum Teil heute noch wie gestern und bewahren alte Traditionen im Brillengeschäft. Dazu gehört zum Beispiel auch Cazal. das die seit ihrem Erfolg in den Achtziger Jahren immer noch auf die gleichen kreativen Hände baut. „Chefdesigner und Namensgeber des Labels, Cari Zalloni, gibt es heute immer noch. Das steht dann eben für Kontinuität und das ist auch ein Leitsatz von Lunettes.“

Diesen Leitsatz setzt Lunettes mittlerweile auch in einer eigenen Kollektion um. Die Brillen der Lunettes Kollektion werden in traditioneller Handarbeit in einer kleinen italienischen Manufaktur hergestellt und orientieren sich an klassischen Brillenformaten der 50er  und 60er Jahre. Produziert werden sie aus alten Acetatbeständen. Damit leistet Lunettes einen kleinen Beitrag, um das traditionelle Brillenhandwerk langfristig zu erhalten.

Brille aus der Jahrhunderwende

Die ältesten Brillen bei Lunettes Selection stammen übrigens aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Die antiken Nickelbrillen datieren ungefähr aus dem Jahre 1910 und haben damit bereits unglaubliche einhundert Jahre gesehen. Aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar, welch bewegte Zeiten sie mit verfolgt haben und welche Augenpaare sie bereits durch die Zeit begleitet haben. Früher dienten diese einfachen Gestelle einzig dem Zweck, die Augen zu korrigieren, heute stehen sie für eine ganz besondere Form der Weitsicht.

Denn Leute, die Vintage-Brillen kaufen, gehen vielfach auch kritisch mit ihrer Umwelt um. Die Brillen aus alten Zeiten sind ein modisches Statement gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Meist sind es kreative Leute – Grafiker, Architekten – die lieber zur Vintage-Brille greifen. Leute, die vor ihrem Hintergrund eher kritisch mit dem Mainstream umgehen und die sich gern über bestimmte Dinge, wie Geschichte, Mode und Kultur austauschen. „Zu uns kommen Leute, die gern alte Geschichten hören oder von denen ich Dinge erfahren kann, ob nun allgemein oder speziell auf Brillen bezogen, die ich so noch nicht kannte. Das ist wirklich sehr interessant.“

Das interessanteste für Claudia Drechsel ist sicherlich jedoch, dass sie in ihrer täglichen Arbeit mit Unikaten immer noch überrascht wird. „Ich freue mich immer über die, die ich noch nie in der Hand hatte. Vieles ähnelt sich zwar, so wie in der Mode, aber manchmal gibt es auch für mich noch Highlights, bei denen Form, Farbe, Verarbeitung, Materialkombination völlig anders sind. Das sind für mich tolle Momente.“ Brillen eben, die man so noch nicht gesehen hat.

rosa Brille von Claire Goldsmith

rosa Brille von Oliver Goldsmith.

„Vielen Dank, Claudia, für das tolle Gespräch. Für mich war es übrigens das größte Highlight, bei Selection durch die rosarote Brille zu schauen.;)“

Lunettes Selection
Torstr. 172
10115 Berlin
Tel: 030 / 2021 5216
Öffnungszeiten:
Mo–Fr: 12–20 Uhr
Sa: 12–18 Uhr
www.lunettes-brillenagentur.de
www.lunettes-selection.de

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Donnerstag, 3.06.2010 – von Antje

Kategorien: Brillenmode, Interview, Portrait, Style, Vintage

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