We like to Re-View: Das Phänomen Vintage

Früher war alles wie morgen.

Mit den Neunzigern traten Kunst- und Kulturschaffende die Flucht nach vorn an und sinnierten fröhlich in ferne Zeiten. Wir erinnern uns an Captain Future, Raumschiff Enterprise, Alien, E.T., Terminator, Robocop, Zurück in die Zukunft. In den Radios imitierte sphärische Synthesizer-Musik eine extraterrestrische Geräuschkulisse. Später entwickelte sich daraus die Techno-Welle. Hard- und Software infiltrierten langsam den Alltag. Im Techno-Zeitalter spielte Zukunftsmusik. Die Loveparade wurde zum Sinnbild der Computer-Liebe. Und auch im Bereich der Mode war man von Kopf bis Fuss auf Zukunft eingestellt. Plastik, Neopren, Gummi, meist in Silber oder Metallic-Schwarz wurden in eine innovative Formensprache gepackt vornehmlich gesteppt und mit exzentrischen Accessoires aufgepeppt: allen voran Atemmasken und Cyber-Goggles. Ganz klar: Zumindest die Raver-Gemeinde war für das neue Jahrtausend gerüstet.

Doch kaum war das 21. Jahrhundert angebrochen, sah alles ganz anders aus. Die Mystik der Jahrtausendwende war verflogen, das Bild, das man sich von der Zukunft gemacht hatte, sah ganz anders aus. Was blieb, war die Ungewissheit über die Zukunft. Eine Zukunft, in der sich die Welt noch viel schneller dreht als zuvor, in der sich alles und jeder ständig selbst überholt, wird der Blick in die Zukunft schwer und die Suche nach Identität entscheidend.

Wenn man wissen will, wer man ist, muss man wissen, woher man kommt. Dafür ist ein Blick zurück von großer Bedeutung. Dieses Erinnern an frühere Zeiten bot offensichtlich wohltuende Momente – denn die Nostalgie hält an. Man besinnt sich wieder auf alte Werte. Diese Sehnsucht nach alten Zeiten und Traditionen wird materiell übersetzt und initiiert eine endlose Retrospektive. Heute geht es quasi vorwärts im Rückwärtsgang.

Alter Sehtest aus vergangenen Zeiten.

Heute ist alles wie gestern.

Deshalb ist heute vieles irgendwie wie gestern. Retro ist der Trend des 21. Jahrhunderts. Ganz egal ob Möbel, Mode oder Musik. Man beruft sich auf den guten Geschmack der alten Zeiten. Diese Abkehr vom Fortschrittsglauben geht Hand in Hand mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit. Recycling und Second-Hand stehen hoch im Kurs. Und damit auch das Phänomen Vintage. Denn Vintage betitelt quasi die Königsdisziplin der Retro-Kultur.

In seinem ursprünglichen Sinne betitelt die englische Vokabel „Vintage“ besonders herausragende Weine oder Tabakwaren mit ganz besonderem Jahrgang. Da bei den Weinen meist die alten Jahrgänge, die besonders wertvollen sind, wurde im allgemeinen Sprachgebrauch das Wort Vintage ganz einfach als Synonym für „alt“, „klassisch“ oder „rar“ verwendet. Vor allem im Bereich der Mode ist Vintage ein beliebtes Stilmittel. Wobei hier nicht immer ganz klar ist, was gemeint ist. Denn hier kämpfen sich zwei Titel gegenseitig den Rang ab: Retro und Vintage. Allerdings gibt hier einen entscheidenden Unterschied: Während Retro eher das Nachempfinden alter Stilformen entspricht, meint Vintage die klassischen Originale. Soll heißen: Retro ist neu, sieht aber aus wie alt, Vintage ist alt, sieht aber oft noch aus wie neu. Letzteres punktet vor allem durch die Faszination am nostalgischen Original. Es ist eben einzigartig und für echte Vintage-Liebhaber gleicht das Vintage-Shopping wie eine Safari im Großstadtdschungel: immer auf der Jagd nach nostalgischen Koryphäen. Dabei ist Vintage eben nicht nur Second-Hand. Nicht alles, was in den Achtzigern mal getragen wurde, erzielt heute noch Sammlerwert. Erlesen und kostbar sind vor allem die Stücke besonderer Marken und vor allem auch Einzelstücke oder limitierte Auflagen.

Vintage im Gesicht: Jetzt sind Brillen wieder salonfähig.

Dieser Bewegung haben wir es auch zu verdanken, dass Brillen inzwischen wieder Kultstatus erreicht haben. Denn mit der Vintage-Welle schwappten auch die Formate der klassischen Hornbrillen zurück an die Front und beendeten das triste Dasein dieses tollen Accessoires. Tschüss „Brillenschlange“, Hallo „Nerd“. Seitdem ist Brille tragen angesagter denn je. „Oben ohne“ traut sich kaum mehr jemand nach draußen, der beweisen muss, dass er mit an der modischen Front spielt. Egal ob auf dem roten Teppich, auf dem Catwalk, auf Titelbildern oder im Backstage von Modemessen und Musikfestivals – die kreative und schöne Elite feiert das Comeback der Brille, am liebsten Vintage, mindestens jedoch Retro.

Der Charme dieser Brillen liegt vor allem in ihrem starken Charakter, den sie von ihrer ursprünglichen Trägerschaft übernommen haben. Denn früher wurden diese Gestelle vor allem von Persönlichkeiten getragen, die durch einen besonderen Intellekt oder einzigartigen Charakter hervortaten. Woody Allen zum Beispiel, aber auch Malcolm X oder J.F. Kennedy.

Die Originale aus den alten Zeiten haben allerdings einen entscheidenden Vorteil: sie sind einzigartig und damit so individuell wie der Träger selbst. „Vintage-Brillen sind äußerst variabel und in ihrer Formensprache sehr viel individueller als viele Produktionen aus der heutigen Zeit“, weiß Claudia Drechsel von  Lunettes Selection. Genau aus diesem Aspekt heraus wurde Lunettes überhaupt erst gegründet. Denn als Uta Geyer, Inhaberin der Brillenagentur, vor gut vier Jahren auf der Suche nach einer Brille erst auf dem Flohmarkt fündig wurde, kam ihr der Gedanke, die alten Gestelle selbst zu verkaufen. Das Konzept hat sich bewährt. In Sachen Vintage-Brillen gehört sie inzwischen zur Top-Adresse im Internet. In Berlin hat sie vor kurzem sogar zweiten Laden eröffnet, weil die Nachfrage nach ihren Vintage-Brillen immer größer wurde.

Besonders begehrt sind die eleganten Originale aus den 50er/60er Jahren von Christian Dior oder Moscot. Bei den  schrillen Achtzigern  fallen vor allem Cazal oder Neostyle ins Auge.

Cazal Vintage-Brille, gesehen bei Lunettes Selection

Interessanterweise haben Vintage-Originale nur so lange Bestand, bis sie von der Retro-Welle eingeholt werden. Sobald die Passformen 1:1 wieder aufgelegt und neu verkauft werden, gehören sie offiziell wieder zum Mainstream. Auch Carsten Dennhard, Vintage-Brillenverkäufer und als Optiking bekannt, kann davon ein Lied singen: „Seit Carrera in den letzten Jahren wieder verstärkt die alten Vintage-Formate produziert, verkaufen sich die alten Originale kaum noch.“

Man darf sowieso gespannt sein, wie lange dieser Trend noch anhalten mag. Irgendwann werden die Reserven der guten alten Originale auch erschöpft sein. Dann gibt es vielleicht keine Vintage-Brillen mehr, aber vielleicht wird es in Zukunft immer mehr Hersteller geben, die erkannt haben, dass sowohl Retro als auch Vintage eins gemeinsam haben: Die Wertschätzung der alten Traditionen. Immer häufiger finden vor allem kleinere Brillenhersteller, wie zum Beispiel Framers aus Berlin, eine moderne Übersetzung dieser Entwicklung: Selbstbewusste Passformen mit individuellen Farb- und Formensprache, weder Retro noch Vintage , sondern genau irgendwo dazwischen. „Wir mögen alten Werte, aber ich überarbeite sie komplett neu. Traditionell mit modernem Touch“ sagt Sarah Settgast von Framers. Fazit: Traditionelle Brillenmode steht hoch im Kurs, ob nun Retro oder Vintage.

Die passende Vintage-Brille zu finden, erfordert allerdings ein wenig Fingerspitzengefühl. Irgendwie ist man ja schließlich auf der Suche nach einem Partner fürs Leben.

Vintage-Brillen en masse beim Optiking, Berlin

5 Tipps für den Vintage-Brillenkauf:

Tipp 1: Augen und Ohren offen halten. Eine Vintage-Brille hat immer eine Geschichte. Wer aufmerksam recherchiert oder bei Brillenexperten nachfragt, wird viel zur Marke oder zur Brille herausfinden können. Eine Brille ohne Geschichte ist keine echte Vintage-Brille.

Tipp 2: Sich gegenseitig vorstellen: Viele Vintage-Brillen haben auch einen Namen, vor allem bei französischen Modellen. Insbesondere ältere Modelle erinnern als „Duke“ oder „Earl“ an vergangene Zeiten.

Tipp 3: Auf Tuchfühlung gehen: Eine echte Vintage-Brille wurde aus vielen Einzelstücken in aufwändiger Handarbeit gefertigt. Die Beschriftung „Handmade“, zum Teil sogar durch eine eigene Rahmennummer ergänzt, gilt als zuverlässiger Hinweis auf ein Original.

Tipp 4: Miteinander liebäugeln: Vintage-Brillen sind Unikate mit eigener Persönlichkeit. Wenn es nicht Liebe auf den ersten Blick ist, keine Panik: Hier braucht es manchmal etwas Zeit, um zueinander zu finden.

Tipp 5: Auf das Bauchgefühl hören: Eine Vintage-Brille zu finden, die zu einem passt, das ist ein besonderes Gefühl. Macht das Herz einen Sprung, dann hat das Auge richtig entschieden.

“Und wo kann ich meine Vintage-Brille kaufen?”

Lunettes Brillenagentur
Marienburger Straße 11
10405 Berlin, Deutschland
www.lunettes-brillenagentur.de

Lunettes Selection
Torstraße 172
10115 Berlin, Deutschland
www.lunettes-selection.com

Optiking
Eberswalder Straße 34
10437 Berlin, Deutschland
www.optiking.de

Wilde Vintage
Joaquin Costa, 2
08001 Barcelona, Catalunya
www.wildevintage.com

vintage-sunglasses.de
www.vintage-sunglasses.de

Und natürlich auf dem Flohmarkt.

Wenn Ihr noch weitere Adressen kennt, dann bitte einfach in den Comments posten. Wir nehmen sie dann gern mit auf.

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Mittwoch, 2.06.2010 – von Antje

Kategorien: Brillenmode, Highlights, Style, Trends, Vintage

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Kommentare: 9 Antworten



9 Antworten

2 Kommentare

  1. Sebastian sagt:

    Ich bin durch Ralph von Wissen macht Ah! auf diesen Trend aufmerksam geworden. Oder war es durch Wigald Boning? Der trug ja eine Weile auch eine “Oma-Brille”. Es ist immer ein bisschen Grusel dabei, wie bei einer Wunde. Man findet es nicht schön, muss aber immer wieder hinsehen.

  2. Roland Wey sagt:

    bei Urban Eyewear an der Freyastrasse 21 in 8004 Zürich- Schweiz gibt es eine Riesen Auswahl an ungetragenen Vintage Korrektur Brillen ab den 1950er Jahre bis in die 1990er Jahre. Zudem coole Sonnenbrillen aus den 1970er & 1980er Jahre, alles zu fairen Preisen.

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